This thing about… Die Akte Gina-Lisa

Seit einigen Wochen finde ich den Fall „Gina-Lisa Lohfink“ vermehrt in meiner Facebook-Chronik wieder. Es geht um eine junge Frau, 29 Jahre alt, dessen öffentliche Persona man aus der 3. Staffel Germany’s Next Topmodel und sämtlicher Regenbogenpresse kennt. Ihr Image ist leider nicht das beste und genau das wird ihr gerade zum Verhängnis gemacht:

Gina-Lisa Lohfink geht nach einer langen Partynacht im Juni 2012 mit einem jungen Mann nach Hause. Nichts verwerfliches, einvernehmliches One-Night-Stand, hat fast jeder schonmal gemacht. Am nächsten trifft sie ihr One-Night-Stand im selben Club in Berlin wieder. Es wird wieder ordentlich Party gemacht, viel getrunken. Gegen Mitternacht schickt sie ihre (Ex-)Managerin und ihren besten Freund nach Hause, sie wolle alleine sein. Sie feiert alleine weiter und dann der Filmriss. Am nächsten Tag gegen 16 Uhr taucht sie völlig durch den Wind in ihrem Hotel auf, wo sie von ihrer besorgten Managerin in Empfang genommen wird. Am nächsten Morgen explodiert das Telefon förmlich, Redakteure und Medienvertreter fragen, was los sei, im Stundentakt würden ihnen Sexvideos von Gina-Lisa angeboten. Was sich für mich wie der Plot eines Filmes anhört, ist tatsächlich so passiert. Was dem Opfer dann aber passiert, ist wohl einer der widerlichsten Horror-Filme überhaupt: schleppendes Verfahren, Hausdurchsuchung bei den Verdächtigen erst 1 Monat nach der Anzeige,  5 Monate später wird Gina-Lisa zum ersten Mal vernommen, das toxologische Gutachten liegt erst 6 Monate später auf dem Tisch. Das Verfahren gegen einen der Täter wird vorläufig eingestellt, weil keine Wohnadresse vorliegt, der zweite Täter wird wegen Verbreitung des Vergewaltigungs-Videos verurteilt nicht aber wegen der Tat selbst. Stattdessen wird das Opfer zur Täterin und vom Gericht zu 24.000 Euro Strafe wegen Falschaussage verurteilt.

Was in dem Video lässt auf eine Vergewaltigung schließen?* Man sieht wie ein Mann Gina-Lisa Lohfink oral penetrieren wird, sie scheint benommen zu sein, ist nach eigenen Aussagen aber definitiv betrunken, spricht von eventuellen K.O.-Tropfen. Ein Zustand, in dem man zu keiner Zeit von einvernehmlichen Geschlechtsverkehr sprechen kann! Dreimal sagt sie deutlich hörbar „Hör auf“. Ein eindeutiges, hörbares Zeichen, dass aufgehört werden soll! Bedeutet: Selbst wenn vorher eine Einwilligung gegeben wurde, ist jetzt Schluss!! Alles was danach kommt ist Vergewaltigung! Schluss, Ende, Aus!

Das Gericht sieht dies leider anders:

Sie könnte ja damit auch die akute Handlung gemeint haben, die der betreffende Mann in diesem Moment setzte – etwa der Versuch, seinen Penis in ihren Mund zu stecken – nicht den Geschlechtsverkehr an sich, diese Möglichkeit sieht zumindest die Staatsanwältin.

Problematisch sieht die Staatsanwältin außerdem das Foto, dass einer der Täter von Gina-Lisa im Treppenhaus gemacht hat. Darauf sehe sie nicht aus, als wäre sie auf der Flucht.

„Aber ich musste doch cool bleiben und mitspielen“, sagt Lohfink. „Der hat mir gedroht. Ich musste dem Typ hundertmal sagen, dass ich wieder zurückkomme, da kann ich doch nicht in Panik davonlaufen. Der hätte mich doch sofort wieder in die Wohnung reingezogen.“ Ihr Anwalt Burkhard Benecken mischt sich ein: „Warum macht denn einer ein Foto von einer Frau im Treppenhaus? Ich glaube, das hat er als Absicherung gemacht, der Mann hat das ja alles von Anfang an geplant und ist als mehrfach Vorbestrafter sicher mit allen Wassern gewaschen.“ Aus seiner Praxis kennt er das zur Genüge. „Wissen Sie, wie viele Frauen ihren Vergewaltiger in Sicherheit wiegen, nur damit er sie rauslässt? Das Verhalten meiner Mandantin ist nicht verdächtig, sondern klassisch. Und ebenso klassisch ist die Borniertheit der Menschen, die glauben, eine Vergewaltigung laufe immer ab wie in einem Comic, mit einer Gestalt in einer dunklen Gasse und einer schreienden Frau. Die Realität sieht ganz anders aus.

Frau Lohfink lehnt die Strafe ab und steht nun selbst vor Gericht. Am 27. Juni 2016 wird das Amtsgericht Berlin-Tiergarten voraussichtlich und hoffentlich zu ihren Gunsten ein Urteil fällen. Ansonsten, so hat Gina-Lisa angekündigt, wird sie alle Instanzen durchlaufen und am Ende lieber die Summe spenden und ins Gefängnis gehen, als die Strafe zu bezahlen. In einem Statement, dass ihr Anwalt im Gericht vorgelesen hat, schreibt Gina-Lisa folgendes:

„Eines weiß ich genau. Ich würde niemals wieder in meinem Leben, auch als Geschädigte, ohne einen Strafverteidiger zur Polizei gehen. Bedauerlicherweise verstehe ich heute auch, dass viele Frauen, obwohl sie Opfer einer Sexualstraftat geworden sind, aus Angst vor Konsequenzen in Bezug auf die eigene Person den Weg zur Polizei nicht mehr gehen. Ich finde es traurig, dass ich dies sagen muss, aber ich wusste nicht, dass man von der Geschädigten zur Täterin gemacht werden kann.“

Und jetzt auch noch das: Eine Werbung von Wiesenhof – die sowieso schon ein arg schlechtes Image haben – indem der „ach so witzige“ Atze Schröder geschmacklose Witze zu diesem Thema macht. Genauer Wortlaut: „Und, seid ihr bereit für die größte Wurst des Sommers? Hier ist das Ding. Danach müssen Gina und Lisa erst mal in die Traumatherapie.“
Atze Schröder ist mit seinen „Altherren-Witzen“ sowieso immer hart an der Grenze, aber das ist 10 Meter hinter der Grenze und auch mit der Entschuldigung über Facebook nicht zu vergessen. Denn selbst wenn der Witz ohne Namen gefallen wäre, ist es trotzdem ekelhaft zu sagen, dass „eine große Wurst“ eine Frau zur Traumatheraphie zwingt. Come on! Das ist an Geschmacklosigkeit kaum zu übertreffen!
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Davon mal abgesehen, dass im deutschen Gericht und in unserem Gesetzbüchern einiges schief zu laufen scheint, zeigt mir die Berichterstattung einen weiteren Missstand und zwar in der Gesellschaft. Denn noch heute, im Jahr 2000-fucking-16, geben viel zu viele Menschen dem Opfer die Schuld! Es ist egal, ob die Frau betrunken ist, sich „aufreizend“ kleidet, den Ruf als „Party-Luder“ trägt oder, oder, oder. Nein heißt nein! Im übrigen ist es auch egal, ob das Opfer auf Sex-Messen arbeitet, Pornos dreht oder Prostituierte ist: Das gibt keinen Menschen auf dieser Welt das Recht, jemanden zu vergewaltigen und das Opfer hat mich Sicherheit keine Schuld, sondern immer nur das widerliche Schwein, dass diese Tat begeht! Sexuelle Selbstbestimmung wird doch immer so groß geschrieben, aber scheinbar gilt dies leider heute noch nur für die Menschen mit Penissen zwischen den Beinen. Ich bin es wirklich Leid, das immer zu wiederholen, aber wenn ich mir die Zeit nehme, um die ganzen hirnverbrannten und hirnlosen Kommentare unter Artikeln zu diesem Thema zu lesen, dann finde ich wieder neue Kraft und neue Wut!

Außerdem müssen wir ganz dringen aufhören im Zusammenhang mit Vergewaltigung von uneinvernehmlichen Sex zu sprechen. Denn das ist es mit Sicherheit nicht! Sex soll was Schönes sein, Sex ist einvernehmlich.
Wohingegen eine Vergewaltigung eine Straftat ist und deswegen auch als solche betitelt werden sollte. Vergewaltigung ist niemals einvernehmlich.

So traurig und wütend mich diese Geschichte macht, eine gute Sache ist dabei herausgekommen, der Fall trägt zur öffentlichen Diskussion des Sexualstrafrechts bei. Noch vor der parlamentarichen Sommerpause 2016 soll der Grundsatz „Nein heißt nein“ eingearbeitet werden. Meines Erachtens ist dies schon lange Zeit, aber die Bundesregierung hat sich mit solchen Gesetzesänderung schon immer viel Zeit gelassen – schließlich war bis 1997 die Vergewaltigung in der Ehe quasi nicht existent, zumindest in der Strafverfolgung.

* Ich habe das Video nie selbst gesehen und auch nicht den Versuch unternommen, dieses im Netz zu finden.

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Artikel zum Thema:
Masha Sedgwick – Nein heisst Nein!
this thing about. – Legalize Rape

Zitate: stern.de

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6 comments

  1. Ein tolles, ehrliches Statement!! Mich hat diese Hexenjagd auch so angekotzt, dass ich es in letzter Zeit vermieden habe, etwas darüber zu Lesen. Danke für die ehrlichen Worte. Du sprichst mir aus der Seele!

  2. Ein sehr gut geschriebener Beitrag. Als ich vor einigen Wochen von diesem Thema erfuhr, war ich geschockt, Gina Lisa mag sein wie sie ist, aber soetwas wünscht man niemanden und überhaupt hat sie nur wegen ihrer selbst keine Freibriefe verteilt. Ich gebe zu ich habe das Video gesehen und meiner Meinung nach gibt es mehrere Stellen, Momente und Zeichen an denen man sieht dass sie nicht Herrin der ihrer Lage war und auch nicht im vollen Bewusstsein. Ich hoffe sehr für sie, für uns und für die Gesellschaft, dass diese Geschichte zu Recht ausgeht und Gina so Ruhe finden kann und ihr Leben weiterführen kann.

    1. Danke, Katharina. Das Thema liegt mir sehr am Herzen. Nicht weil es mit selbst widerfahren ist – und Gott bewahre, dass das so bleibt – aber weil es in meinem Bekannten- und Freundeskreis passiert ist und es mich immer wieder sehr mitnimmt.

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