Inspiration #3

Für ein Uni-Projekt habe ich zum ersten Mal vor 3 Jahren im Obdachlosentreff zu Heilig Abend ausgeholfen. Für mich ist es die letzten 3 Jahre zu einer wundervollen Tradition geworden, bei der ich dem alltäglichen Weihnachtswahnsinn Zuhause entfliehen konnte, um anderen zu helfen und neue, interessante Menschen kennen zu lernen. Nun bin ich in Amerika und kann dieses Jahr leider nicht an diesem Fest teilhaben. Über meine Erfahrungen dort habe ich diese Reportage geschrieben und hoffe, dass ich damit weitere Menschen animieren und inspirieren kann, in ihrer Heimat auszuhelfen.

Jedes Jahr aufs neue habe ich dort wundervolle Menschen kennengelernt, tolle Gespräche geführt und einfach nur ihren Geschichten gelauscht! Letztes Jahr hat mir ein Mann seine komplette – schief gelaufene – Lebensgeschichte erzählt und so viel Vertrauen zu mir aufgebaut, dass er sogar vor mir geweint hat.

Ohne Titel

Wie Obdachlose das Fest verbringen: Heilig Abend im Tagestreff

Heilig Abend ist die Geburt Christi, das Fest der Liebe. An diesem Tag will niemand allein sein. Familien sitzen am reich gedeckten Tisch, unterm festlich geschmückten Christbaum, im warmen Haus und haben Spaß. Doch nicht jeder kann diesen Tag so verbringen, wie wir ihn kennen. Wo verbringen Obdachlose oder Bedürftige diesen Tag? Der Tagestreff TAT in meiner Heimat feiert seit seiner Eröffnung 1993 jedes Jahr ein Weihnachtsfest mit Essen und Bescherung.

Der Johanniskirchhof liegt sehr versteckt, ist anonym. Die Kopfsteinpflaster hallen unter meinen Absätzen. Barrierefrei ist dieser Weg nicht, genauso wenig wie die schmale Treppe in den dritten Stock zum Tagestreff. Und doch werde ich heute Menschen sehen, die mit ihren Krücken die Stufen erklimmen, um an der alljährlichen Weihnachtsfeier teilzunehmen. Schon im zweiten Stock kommen mir der Zigaretten-Geruch und laute Männerstimmen entgegen. „Das wird ein Tag.“, denke ich mir und laufe schnurstracks in die Arme von Lena, eine der ehrenamtlichen Helferinnen  an diesem Tag. Sie strahlt sichtlich auf, als ich ihr sage, dass ich heute aushelfe. „Hilfe können wir heute definitiv mehr als genug brauchen. Lass uns gleich das Frühstücksbuffet abräumen.“

Im Essensraum sind vier Bierbankganituren aufgebaut. An einem sitzt eine Frau mit kinnlangen, blonden, lockigen Haaren und genießt ihr Frühstück: Brötchen mit Schinken, Gurken, Käse, Marmelade, Rührei… alles, was zu einem ordentlichen Morgenmahl dazu gehört. Das restliche Essen bringen wir in eine der zwei kleinen Küchen. Der übrig gebliebene Aufschnitt wird am Ende des Tages an die Männer verteilt. „Wäre doch zu schade, dass alles wegzuschmeißen.“, sagt Lena und stellt die Sachen vorerst in den Kühlschrank.  Kaffee ist eines der Hauptnahrungsmittel hier – neben Zigaretten – und so laufen die zwei Kaffeemaschinen den ganzen Tag im Dauerlauf, von 8-17 Uhr.

„Bin da oben schon eine feste Instanz.“

Um 11 Uhr kommt Susanne: Blonde kurze Haare, lächelnd und immer ein offenes Ohr. Sie ist Sozialpädagogin, eine der zwei Ansprechpartnerinnen im Tagestreff und Mitverantwortliche für die alljährliche Weihnachtsfeier. „So, wir beide setzen uns jetzt mal in den Kaffeeraum und quatschen!“ Gesagt, getan und schon sitze ich in Mitten von zehn Männern, die alle in angeregte Gespräche vertieft sind.

„Wo kommst du denn her?“, fragt Roland. Er ist 38 Jahre, trägt Schnauzbart und hat schulterlange braune Haare, die er unter einer blauen Mütze versteckt. „Ich bin Flensburgerin, bin aber gerade für mein Studium nach Berlin gezogen.“ „Oh, Berlin ist eine schöne Stadt. Da war ich auch schon zweimal mit meiner Freundin übers Wochenende:“, erzählt er und ein Schmunzeln bildet sich auf seinem Gesicht. „Bist du ein Original?“ „Ne, ich bin Zugezogener. Bin ursprünglich aus K. und als ich 4 Jahre war, ist meine Familie hierhergezogen.“ „Ich kenn eh nur ganz wenige Originale. Viele sind zugezogen. Wegen Arbeit und so.“, meldet sich Horst von meiner linken Seite. Er ist schon etwas älter, hat einen dichten Bart, graue Haare und trägt ebenfalls eine Mütze. Seit 3 Monaten läuft er mit einer Krücke rum, weil er sich das Bein gebrochen hat. „Ist aber auch bald vorbei. Wo wir gerade dabei sind: Letztens bin ich mit einer älteren Frau und ihrem Rollator zusammengestoßen. Da oben, bei Penny, wo wir mal gepennt haben. Danach tat mir meine Schulter höllisch weh. 3 Wochen später war ich dann mal wieder besoffen im Krankenhaus und dabei kam raus, dass ich mir das Schlüsselbein gebrochen habe.“ Stefan und Horst fangen beide an zu lachen.

Hans erzählt mir auch von seinem Besuch im Krankenhaus. „Hab gerade ein neues Auge bekommen. Deswegen habe ich auch aufgehört zu saufen. Morgen sind’s schon 12 Wochen. Und jetzt komm ich gerade aus der Diako. Der Chefarzt höchstpersönlich hat mir meine Augentropfen gegeben. Der kennt mich, bin da oben schon eine feste Instanz.“ In seiner Stimme schwingt ein Hauch von Stolz mit.

„Ohne das Geld, könnten wir das hier gar nicht ausrichten.“

Es ist 12:30 Uhr und das Mittagessen wird geliefert. Seit 3 Jahren spendet das Restaurant Mäders Grünkohl, Bratkartoffeln, Kassler und Würste zum Heiligen Abend. „Ich habe Herrn Mäders vor 3 Jahren beim Spendenparlament kennengelernt.“, erzählt mir Susanne, „und da hat er das angeboten und ich hab dankend angenommen.“ „Was ist denn das Spendenparlament?“ „Das ist eine Vereinigung von Bürgern, die in Not geratenen Mitmenschen helfen. Dieses Jahr haben wir 1500€ für die Weihnachtsfeier bekommen. Ohne das Geld, könnten wir das hier gar nicht ausrichten.“

Ungefähr 20 Personen bedienen sich heute am reich gedeckten Buffet. Viele kommen vorbei und holen sich das Essen ab. „Heute habe ich irgendwie Magenprobleme. Kann ich mein Essen mitnehmen?“ Und so sind am Ende des Tages die Wärmebehälter leer und die Mägen voll.

Vater unser im Himmel…

Wir müssen nicht zur Kirche gehen, die Kirche kommt zu uns und so steht pünktlich um 14 Uhr Diakoniepastor Petersen in der Tür für die Weihnachtsandacht. Wir sitzen auf Holzstühlen im Flur, neben dem festlich geschmückten Tannenbaum. „Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes begrüße ich euch.“ Für viele ist das ihre erste Andacht. André mit seinem pinken Irokesen und seinen zwei Hunden unterbricht auf eine sehr charmante Art („Wissen ist Macht und nichts wissen macht auch nichts!“) so einige Male Herrn Petersen. Der lässt sich davon nicht aus der Ruhe bringen und liest die Weihnachtsgeschichte weiter vor.  Zum Schluss singen wir „O, du fröhliche“, beten das „Vater unser“. „Um an Gott zu glauben brauch ich die Kirche nicht.“, stellt Thea fest. Pastor Petersen gibt ihr Recht.

Auf die Bescherung war ich persönlich am meisten gespannt. Bei Hannes durfte ich dabei sein. Er reißt das rote Geschenkpapier auf und hält ein Buch in seinen Händen. „Susanne, wo hast du das denn her? Das suche ich schon Ewigkeiten. Die im Sozialamt wollten mir das nicht mal für 50€ verkaufen!“ Sein ganzes Gesicht strahlt und ich meine, dass seine Augen sich mit Tränen füllen. „Schau mal, das ist mein Papa. Der war Fahrer einer der letzten Straßenbahnen in Flensburg. Der ist aber auch schon 1976 gestorben.“, zeigt er mir stolz einen Mann in Uniform auf einem schwarz-weiß Foto.

Und so geht es weiter: Einer bekommt Parfum, der andere Bettwäsche und ein dritter Hundefutter für seinen Hund. Jeder der beschenkten trägt ein Lächeln auf seinen Lippen und zeigt stolz seine Geschenke rum. „Es haben sich für heute 34 Personen angemeldet. Alle haben ihre obligatorischen 5€ bezahlt, aber wie ich schon gesagt habe, ohne das Geld vom Spendenparlament, hätten wir das nicht machen können.“, sagt Susanne und reicht dem nächsten Glücklichen sein Geschenk.

Warum dürfen Frauen in den Tagestreff der Männer?

„Weißt du was ich unfair finde?“, fragt mich Horst auf dem Weg in den Essensraum zum Weihnachtsbingo. „Hier dürfen auch Frauen rein, aber ein Mann bekommt nicht mal einen halben Fuß in „Die Treppe“ (Tagestreff für Frauen). Wir werden da sofort rausgeschmissen.“ Tatsächlich habe ich hier heute schon einige Frauen gesehen. „Wenn einer der Männer fragt, ob er seine Freundin mitnehmen darf, um sie den Jungs zu zeigen, dann sage ich natürlich nicht nein. Und einige der Frauen sind auch schon länger hier, als es „Die Treppe“ gibt. Da werde ich den Teufel tun und sie wegschicken.“, beantwortet Susanne mir die Frage.

Nach dem Weihnachtsbingo sitzen wir noch gemeinsam im Kaffeeraum und quatschen. „Wie bist du hier gelandet?“, frage ich Maja. „Ich habe mich vor 12 Jahren von meinem Ehemann scheiden lassen. Dann saß ich auf der Straße. Mein Chef meinte dann damals, dass ich, wenn ich bei ihm arbeite, nicht obdachlos sein kann. Er hat mich dann zur „Treppe“ gefahren. Die haben mich auch ganz toll aufgefangen und mir bei der Wohnungssuche geholfen. Vor 9 Jahren hat mich dann mein Freund mit zum Tagestreff genommen. Der ist aber seit 5 Jahren tot. Kam nicht mehr mit seinem Leben klar und ist an einer Überdosis gestorben. Ich hab hier Freunde gefunden und so bin ich hier geblieben.“         

Die ehemalige Diakoniepastorin Carmen Rahlf hat mal gesagt: „Armut kennt keine Grenzen, aber sie grenzt aus und sie grenzt ab.“ Hier im Tagestreff TAT lösen sich diese Grenzen. Hier sitzen Menschen mit ähnlichen Schicksalen. Hier lachen sie, haben Spaß, reden, tauschen sich aus und können für ein  paar Stunden die graue Welt draußen vergessen. „Kommst du uns mal wieder besuchen?“, fragt Stefan. „Auf jeden Fall!“, antworte ich, setze mich ins Auto und fahre nach Hause zu meiner Familie.

* aus Rücksicht wurden die Namen geändert.

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